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Auf-Bruch

Diese Bilder springen dich an, ziehen dich hinein, brechen dich auf.

„Auf-Bruch“ ist das Thema der Ausstellung der Münchner Malerin Ariane Hagl, die am 21. März im Bürgerhaus Unterföhring – München eröffnet wird.

Der Titel signalisiert Vielfaches – die erste umfassende Werkausstellung der Künstlerin, aber auch die enorme Kraft, die von ihren Bildern ausgeht: Sie verändern.
Wer sich mit den Arbeiten konfrontiert, vergisst jede kunsthistorische Betrachtung: „Abstrakt“ ist ein Begriff, der diesem Phänomen nicht gerecht wird, dem suggestiven Sog, der von Hagls Bildern ausgeht, und gleichzeitig ihrer Explosivität. Sie wirken nach innen und nach außen gleichzeitig und verbinden völlig unterschiedliche Dimensionen, die doch zusammengehören.

„Malen ist für mich wie eine Wunderlampe, das Ergebnis völlig offen“, sagt Ariane Hagl.
Sie arbeitet auf mehreren Leinwänden oder Papierflächen gleichzeitig und lässt sich von ihren inneren Impulsen leiten.

Ihre Bilder machen sich selbständig und entwickeln eine eigene Dynamik; nicht nur bei ihr, auch bei jedem Betrachter holen sie Anderes hervor, sie wirken.
„Die Unmittelbarkeit, das ist das Entscheidende“, betont Hagl (49), die als Tochter eines Münchner Malers und einer Belgierin in einer Künstlerkolonie auf Elba aufgewachsen ist.
Den Sand als Medium der ständigen Veränderung hat sie auf einige ihrer Bilder geholt, ihn zwischen die vielen Schichten gestreut, die eine faszinierende Tiefe erzeugen, wie innere Traumlandschaften.
In manche würde man am liebsten einsteigen wie in einen Traum, den verschlungenen Pfaden folgen, die Hände im Vorbeigehen über die Risse und Erhebungen streifen lassen, die Ranken des Unbewussten beiseite schiebend, immer auf der Suche nach dem Licht, das auf allen Bildern von Ariane Hagl strahlt.

Um es zu finden, muss man sich auf die Suche machen.

Auf-Bruch. Malerei von Ariane Hagl, Bürgerhaus Unterföhring
Münchnerstrasse 70 , 5774 Unterföhring
Austellungseröffnung Freitag 21. März 2014, 19.00 Uhr
Austellungsdauer 22. März 2014 – 04.05.2014
Mo-Fr 08.00 – 20.00 Uhr Sa 10.00 – 14.00


Auf –Bruch

Ausstellungseröffnung von Ariane Hagl
Laudatio
Am 21.3.2014
Cvb
Ich habe ein Bild:
Das Jahr 1492, in Florenz nimmt sich einer der vielbegabtesten Künstler unseres Zeitalters die Proportionslehre des antiken Architekten und Ingenieurs Vitruv vor und kreiert damit ein Bild (wissend oder nicht?) des Menschen, das paradigmatisch werden soll für die Zeit, die vor ihm liegt. Leonardo Da Vincis vituvianischer Mensch zeichnet ein Bild des Menschen, das ein Maß wird für das Unbekannte, mit dem die Offenheit der Zukunft, die Fluidität der Welt, die fragwürdige Identität des Menschen vielleicht etwas eingenordet werden kann. Es wird dieser nackte Mann, der seine Arme und Beine im vollendeten Rahmen des Kreises einordnet, das Symbol für den Aufbruch in eine neue Welt, die sich nach dem Schock der koperikanischen Wende die einzige Frage stellt, die alle Menschen immer schon vereint hat: wer sind wir und wie sollen wir mit unserer kurzlebigen Individualität, dem großen, ewigen Ganzen gerecht werden? Was ist das hier?
Im Januar sitze ich an einem trüben Morgen mit Ariane Hagl und Petra Torbrietz vor ihren Bildern. Sie steht auf und streckt die Arme aus, um das Format zu erfassen, zu zeigen, dass diese Größe genau dem Maß ihrer Arme entspricht, sie kann sie erschließen, tragen und doch fordern sie sie an der Grenze heraus.
Ich habe unweigerlich diesen vitruvianischen Menschen Leonardos damals vor mir gesehen.
Es war ein neues Maß. Es war weiblich. Es war nicht dem Betrachter zugewandt, sondern der Kunst, dem Vorgang im Entstehen, der Sache selbst. Florenz… Ariane… es war wie Memory-Spielen, das passende Teil aufgedeckt.
Ich frage mich: das Neue, dass sich damals ankündigte bei Leonardo… was ist das Neue in dessen Dienst wir alle uns derzeit befinden? Was wird man über unsere Entwicklungen sagen in 500 Jahren?
Ich nehme Ariane vor ihren Bildern mit ausgebreiteten Armen und erlaube mir ein Gedankenspiel:
Das Neue zeigt sich in genau diesem Bild. Was ist das was wir nicht auf Anhieb sehen? Was zeigt sich, obwohl es noch nicht da ist und nur als versteckter Hinweis dienen kann für die rätselhafte Zukunft?
Ich sammle Ideen und hänge sie in diese Hohen Räume heute Abend:
1.Das Weibliche ist mit Dir verbunden, das sage ich vor allem als Freundin. Eine Gabe zum Wachstum, etwas kommt zur Welt, wird geliebt und angenommen. bodennah, sinnlich. Kraft. Vertrauen.
2. Erfassen ist nicht verstehen. Erfassen ist höchstens „Fassen“ im Sinne von anfassen, befassen, zuwenden, spüren. Die kognitiven Ratio- Wellen der letzten 500 Jahre verlaufen vor vielleicht neuen Impulsen: abwenden vom Verstehen wollen und verstehen müssen der Welt, nicht erklären. Erleben statt Erkenntnis. Nicht dem Betrachter zuwenden (ist da denn überhaupt einer?) sondern den eigenen Formen des Ausdrucks der merkwürdigen Innenwelt, die nach Außen drängt und umgekehrt. Karl Rahner, Religionswissenschaftler und Theologe sagte über den Menschen des nächsten Zeitalters: „Er wird ein Mystiker sein!“
3.Einfühlen und Artefakte erschaffen, die wiederum die Einfühlung rückwärts erfordern in der Begegnung.
Genau dies sind für mich die Bilder von Ariane Hagl: Bewegung, Erde, Welt, Licht, Blut, Kraft konserviert in Farbe und Material, die du mit deinem ganzen Leib&Geist-Sein hervorbringst und die rückwärts in der Betrachtung von mir verlangen, dass ich diese Bewegung nachvollziehe und in mir selbst lebendig mache, mit nichts anderem als der Anschauung, die sich der Kontemplation bedient, zu der wir im zentrierten, weltzugewandetn (aber ich-abgewandten Zustand) fähig sind und verpflichtet. Verpflichtet eben auch, um durch Kunst sichtbar zu machen, worum es hier gehen könnte im fragwürdigen Dasein. Es geht nicht um das was man sieht, sondern um das was dem zugrundeliegt an Bewegung und Beitrag, wie eine Aufforderung mitzumachen beim Deuten der unfassbaren Zeichen, die hinausweisen auf das was wir alle noch nicht sind.
Kunst hat mit Veränderungen der Hör- und Sehgewohnheiten und des Geistes zu tun, sagt John Cage. Aber eben nicht in dem Sinne, dass Kunst uns gefälligst unterhalten und bereichern sollte, sondern ganz leise daran erinnern, wie sehr einerseits jeder Impuls unserer Lebensführung ein Ausdruck einer vitruvianischen Ordnung ist, der wir folgen, und gleichzeitig dabei Einlassung und Mitgehen in der Bewegung Schönheit und Sinn fördert durch Vertrauen ins Unbekannte – dafür stehst du für mich Ariane und deine Kunst.

Ein letztes Bild aus dem grauen Januartag 2014: ich trinke mit dir Ariane einen Cappuccino in Florenz, Sommerkleid, Vespa-Abgase, wir sind in Sandalen auf dem Weg in die Uffizien… zwei Italiener (so schön wie der vitruvianische Mensch) rufen uns etwas zu… wir lachen und atmen in den Wind.


Bilder sind wie Räume.

Wenn wir sie betrachten, betreten wir eine uns unbekannte Sphäre. Wir gehen eine Beziehung ein, von der wir noch nicht wissen, ob sie zu uns passt oder nicht. Wir lassen uns ein auf ein Abenteuer, das eben noch nicht da war, das erst entsteht, wenn etwas in Gang kommt – durch die Konfrontation.
Das Bild allein ist gar nichts.
Es entwickelt seine Kraft erst durch das, was es auslöst.
Das ist das Wunder des Malens.

Meine Bilder sind abstrakt, und das, was keine Form hat, lässt sich schwer in Worte fassen. Sie haben deshalb auch keine Titel, denn jeder, der sie betrachtet, findet Anderes, auch ich selbst, immer wieder neu.
Wenn ich male, weiß ich nicht, was ich will. Ich folge meiner Hand, die mich plötzlich leitet, meinem Impuls, von dem ich eben noch gar nichts wusste, meinen Gefühlen, die von irgendwo aufsteigen. Manchmal zögere ich und hadere, weil nichts zusammenzupassen scheint, mein eigenes Ungleichgewicht sich auf dem Papier entblößt – aber dann ist das Bild plötzlich fertig und lebt sein Eigenleben ohne mich.

Betreten Sie neue Räume – in diesem Haus, in diesen Bildern, in sich selbst.

(Text von Dr. Petra Thorbritz, Wissenschaftsjournalistin, aus einem Gespräch mit Ariane Hagl)


Farbadern und Formzwillinge

Bilder, Gouachen und Collagen von Ariane Hagl
„Alles festlegen verarmt“ – lautet ein bekannter Aphorismus von Christian Morgenstern. Bezogen auf die Kunst ist damit wohl gemeint, dass künstlerisches Gestalten sich nicht der Typisierung unterwerfen sollte, dem Schema, der Wiederholung und Routine. Nicht intendiert ist, dass der künstlerische Prozess auf jegliche Formung verzichten könne. Dort, wo ein Bild aus dem Strom der Zeit heraustritt, muss es zwangsläufig Form annehmen, es muss sich kristallisieren in Farben, Linien, Körpern und Geflechten, um überhaupt als Kunstwerk wahrgenommen werden zu können. Diese Formwerdung ist jedoch keineswegs gleichbedeutend mit einer „Verarmung“. Im Gegenteil kann sie eine Klärung und Akzentuierung bewirken.

Die Bilder der Malerin Ariane Hagl, die fasziniert ist von der Offenheit des künstlerischen Prozesses, die ihre Malerei als eine „Expedition ins Unbekannte“ ansieht, bestehen – auch wenn dies erst bei genauerem Betrachten deutlich wird – in hohem Maße aus Form. Aus Farben und Formen, deren Kombinationen sich labyrinthisch verzweigen. Aus Zwillingspaaren von Formen, die sich relativ statisch begegnen und einfache, große Farbkontraste zu ihrem Thema machen. Und aus Farbkaskaden, die über schroffe Wände ins Bodenlose stürzen, aus Farbwellen, die sich an andersfarbigen Formen brechen und sie durchdringen und aus leuchtenden Farbhöhlen, die von dunkler Materie fest umschlossen werden.

Die Bilder von Ariane Hagl tragen keine Titel, das eröffnet dem Betrachter einen zusätzlichen Freiraum bei der Interpretation und sehenden Nachschaffung. Doch auch ohne die Einschränkung durch eine verbale inhaltliche Festlegung, bewegt sich der Betrachter in einem Assoziationsraum, der auf Landschaftliches hindeutet, auf Urgewalten, auf die Formung durch Feuer und Erdbewegungen. Darüber hinaus rühren sie an die Sehnsucht nach den Ursprüngen, nach Orten, wo Ratio, Seele und Sinne noch nicht voneinander geschieden sind. Nach dem Herzen der Schöpfung, so wie es Paul Klee exemplarisch formuliert hat: „Ich wohne gerade so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich, – und doch noch lange nicht nahe genug.“
Für ihren Vater, den Maler Fritz Hagl (1928-2002) war der Ausgangspunkt seiner Bilderwelten immer die Natur: die Trümmer eines versunkenen Festlandes. Die Fischschwärme, Karstgesteine, Moose und Flechten. Die fossilen, mineralischen und submarinen Strukturen an den Küsten der Insel Elba, wo der Künstler mit seiner Familie lebte. Auf den abstrakten Bildern von Ariane Hagl ist die Natur unterschwellig immer anwesend, aber sie tritt nicht in konkreten Formen in Erscheinung. Die Details ihrer Bilder

reflektieren den Zusammenhang von Mikrokosmos und Makrokosmos, auch die kleinsten Bildausschnitte tragen ein übergeordnetes Ganzes in sich. Kühle und warme Farbtöne stehen nebeneinander, ergänzen sich und kommunizieren miteinander. Viele ihrer großen Bilder – rote, grüne und gelbe Farben spielen hier eine dominierende Rolle – brechen aus einem dunklen, manchmal tiefschwarzen Grund auf und entfalten sich schichtweise im Wechselspiel zwischen Hinter- Mittel und Vordergrund.

Tochter eines Künstlers zu sein, den man bewundert, liebt und verehrt, ist Segen und Bürde zugleich. In den letzten Jahren hat Ariane Hagl eine eigene Bildersprache ge- und erfunden, in der ihre frühen Bilderfahrungen aufgehoben, aber verwandelt und neu geformt worden sind.

Aufschlussreich sind die von Ariane Hagl gewählten Bildformate. Schon ein kurzer Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass der Zusammenhang zwischen dem „Format“, als der äußeren Größe eines Kunstwerks, und seiner inneren Bedeutung nicht zufälliger Natur ist. Abgesehen von Moden und architektonisch bedingten Formaten existierte zu allen Zeiten ein Gefühl dafür, dass sich „in der Kunst Größe und Kleinheit nicht nach Belieben vertauschen lassen“ (Wilhelm Waetzoldt). Die willkürliche Verkleinerung entwertet das Großgedachte ebenso wie das „Aufblasen“ einer Miniatur ein Werk vergröbert und verfälscht. Viele Bilder von Ariane Hagl entsprechen ihrem Körpergefühl während des Arbeitsprozesses, sie können von ihr „umfasst“ werden. Buchstäblich und metaphorisch. Daraus erwächst eine Formdichte und Formspannung, die ihre Bildschöpfungen zu einem fortwährenden Aufbruch und visuellen Abenteuer werden lässt.

(Text von Prof.Andreas Kühne)


Mal einfach

Ist Kunst das, was man betrachtet, oder das, was dabei mit dem Betrachter passiert? Veränderung ist ein Lebensthema für Ariane Hagl.
Die Glasfronten des modernen Hauses mit den klaren, strengen Linien verwandeln das ineinander verschlungene Gehölz des Bachufers in einen Teil des Wohnzimmers. Draußen drängt das Wasser in Wirbeln und Wellen durch die Natur, drinnen schieben sich Schicht um Schicht imaginäre Landschaften aus Acryl und Sand und Erde zu monumentalen Flächen zusammen, braun und schwarz und grau, ocker und rot. Und immer ist da irgendwo ein Leuchten, gleißend oder glimmend, jedenfalls Licht und Wärme im Unterholz des Bewusstseins.
„Mich interessiert das Ursprüngliche, nicht das fertige Ergebnis – der Prozess“, sagt die 47jährige, die nie eine Akademie besucht hat und vielleicht gerade deshalb einen ganz eigenen Zugang zur Malerei gefunden hat. „Setz Dich hin und mal einfach“, hatte ihr Vater Fritz Hagl damals zu ihr gesagt, als seine kleine Tochter von ihm Zeichnen lernen wollte. Als könne er ihr nichts beibringen, was ihr nützen würde – im Kampf mit Zweifeln und der Sehnsucht , gesehen zu werden, im Ringen um Form und der Formulierung von sich selbst. Also verließ Ariane das Atelier ihres Vaters, den es als Künstler mit seiner belgischen Frau auf die Insel Elba gezogen hatte, und malte allein am Strand und auch überall sonst, am liebsten das große weite Meer in immer neuen Schattierungen, bis die Pubertät der kindlichen Unbefangenheit und dem Malen ein Ende setzte.
Es dauerte mehr als 10 Jahre, bis Farben und Formen wieder aus dem Unbewussten auftauchten: In Florenz, wo Ariane Hagl Pädadogik und Psychologie studierte, kam sie in Kontakt mit der Kunsttherapie und entdeckte, dass Malen eine ganz spezielle Art der Kommunikation sein konnte – ohne Worte, häufig ohne Bewusstsein Wahrheiten an die Oberfläche von Papier und Leinwand holte, anschaulich machte, was sich nicht oder nur schwer beschreiben ließ. Der Prozess des Malens aber, entdeckte die junge Familien- und Jugendtherapeutin, entzog sich auch den in der Kunsttherapie üblichen Interpretationsversuchen. Er war zu vieldeutig, zu individuell, zu lebendig eben – ein Eintauchen in das Chaos des unbekannten Selbst. Also schuf sich Ariane Hagl ihre eigene therapeutische Methode: das „Life Painting“.
„Ich denke, das Wichtigste dabei ist, dass Bilder wie Themen unvollständig und offen bleiben“, sagt sie, „denn das ist das Leben. Immer wenn wir etwas zu fixieren versuchen, werden wir leblos und starr, verstellen uns den Blick auf andere Perspektiven und Sichtweisen, verhindern den Wandel. Oft ist das, was wir uns wünschen, gar nicht das Wichtigste für uns, sondern das taucht an einem ganz anderen Punkt des Strudels auf, in dem wir uns gerade befinden.“
Also interpretiert Ariane Hagl nicht die Bilder ihrer Klienten, sondern unterstützt sie dabei, ihnen freien Lauf zu lassen, sie und sich selbst neu sehen zu lernen. Sie hat mit schwer erziehbaren Jugendlichen und Drogenabhängigen gearbeitet, mit sterbenskranken Kindern, gestressten Managern und mit ausgebrannten Künstlern – aber häufig kommen auch Leute zu ihr, die einfach einmal etwas nur für sich selbst tun möchten – den Pinsel in die Farbe tauchen und dann etwas entstehen zu lassen, Neuland auf Papier.
An irgendeinem Punkt dieses Prozesses kam es zwangsläufig zu der Frage, was passieren würde, wenn Ariane Hagl selbst wieder malen würde – eintauchen nicht mehr in das blaue Meer ihrer Kindheit, sondern das Unbewusste ihres eigenen Ichs, jetzt, wo der kreative Über-Vater nicht mehr lebte, aber noch immer „Mal einfach“ zu ihr sagte. Es fiel ihr anfangs nicht leicht. „Malen bedeutet, etwas von sich zu zeigen, was man vielleicht gar nicht haben, nicht sein will.“ Aus dem Zögern wurde ein Brennen, etwas, das sie nicht wieder aufgeben will, eine Quelle der Kraft und Inspiration, „auch etwas sehr Körperliches.“ Im Dezember 2011 fand im Lillweg die erste Ausstellung statt, mit großem Erfolg.
Die therapeutische Arbeit und das Selber-Malen seien etwas völlig Verschiedenes, aber doch miteinander verbunden, sagt Hagl, und dass der wieder gefundene Zugang zur eigenen Kreativität ihr helfe, neue Formen zu suchen, die Verbindung von Tanz und Malen zum Beispiel. „Ich möchte mehr spielerische Zugänge zum Ich entwickeln“, sagt sie, „es ist so wichtig, die Menschen wieder mit sich selbst in Kontakt zu bringen.“ Und dass man keine Angst davor haben sollte, was aus dem Unterbewussten auftauche: „Wir sehen immer nur einen Teil von dem Ganzen. Aber es gibt immer noch viel mehr, was da ist.“

(Dr. Petra Thorbrietz, Wissenschaftsjournalistin)